Liebe Familie, liebe Freunde,

wir haben uns endlich von den Urlauberstroemen getrennt und das Abenteuer winkt. Seglerfreunde haben uns mit einem "Troet-Konzert" aus dem Hafen von San Sebastian/Gomera geleitet. Ich komme mir vor wie eine Koenigin und muss schlucken vor Ruehrung

7 1/2 Tage sind wir auf zunaechst kabbeliger See mit hohen Wellen unterwegs. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehende lange Atlantikueberquerung. Bei Dunkelheit muessen wir durch eine enge Passage mit Duese und guter Welle und laufen in einer Bucht vor Mindelo auf Sao Vincente ein. Fix und fertig! Todmuede! Wir wollen nur noch schlafen. Frueh morgens weckt uns die Coastguard und fordert uns auf, in den Hafen von Mindelo zu gehen. Mir wird beim Einlaufen ganz flau im Magen, denn der Hafen ist voller ankernder Segelboote, die an einer Regatta nach Brasilien teilnehmen wollen. Es ist das erste Mal, dass ich in solch einer Enge am Ruder stehe. Mir schlottern die Knie. Neben uns paddelt ein Mensch in einem demolierten gruenen Sperrholzboot. Er spricht mich dauernd an und macht mich noch nervoeser. Ich kann nicht ausmachen, ob es sich um einen alten Mann handelt oder ein Kind.  Nachdem der Anker gefallen ist, kuemmern wir uns um die Person. Es ist doch ein junger Mann, aermlich gekleidet mit einem total ausgemergelten Koerper. Sein Name ist Sydney, sagt er und ist 15 Jahre alt und ab sofort unser Bootsboy. Vielleicht braucht man so einen hier, um unversehrt, ohne beklaut zu werden, durch zu kommen? Wir muessen dringend telefonieren weil unsere Freunde aus D hier in Kap Verden eintreffen wollen und ich steige also zoegernd in sein durchloechertes Ruderboot. Sydney begleitet mich durch die Stadt und ist sehr behilflich. Ich selbst bin viel zu aufgeregt, um die Leute zu verstehen. Die Haende zittern! Ganz alleine in Mindelo, vor dem ein bekannter Segelschriftsteller ausdruecklich warnt! Gut, das Sydney bei mir ist und alles regelt. Ein Bettler deutet an, dass er Hunger hat. Ich gebe ihm etwas Geld und Sydney nimmt ihm die Haelfte wieder ab. Er und der Bettler meinen, das reicht fuer eine Mahlzeit. Ich komme ins Gruebeln.

Sydney ist unser Mann fuer alles! Er nimmt den Muell (der wohl sehr begehrt ist) in Empfang und sortiert ihn aus; er passt spaeter wenn wir an Land sind, auf unser Dinghi auf, und wenn er keine Zeit hat, deligiert er es an Freunde, die er von unserem Lohn bezahlt. Von uns bekommt Sydney je nach Arbeitsanfall Geld und ich verwoehne ihn nebenbei mit Schokoriegel und Obst, Sachen, die er vorher noch nie gegessen hat. Es ist schrecklich, wenn man mit ansehen muss, wie arm die Menschen hier sind. Viele leben wie Sydney auf der Strasse, verrichten ihre Notdurft am Strand und kochen sich ihr Essen in verrosteten Konservendosen. Und trotz alledem sind die Leute supergut drauf. Sie lachen sich ueber alles scheckig und sind bei jeder Gelegenheit am tanzen, ob es beim Warten vor der Telefonzelle ist oder beim Einkaufen oder ueberhaupt, wenn es nur eben moeglich ist. Sie sind schoen anzusehen dabei mit ihren einfachen aber bunten Klamotten. Das Leben pulsiert. Ein paar Einkaufsmoeglichkeiten und einen grossen Fischmarkt gibt es. Mindelo gefaellt uns mit seinen bunten Haeusern, seinen Plaetzen und seinen kleinen Lokalen.

Unsere Freunde haben wir telefonisch bisher nicht erreichen koennen und in ihrem Hotel auf Sao Antao kennt man sie nicht, obwohl sie dort gebucht haben. Uns bleibt nichts anderes uebrig, als rueber zu segeln. Gegen Abend landen wir dort in einer aeusserst schwelligen Bucht an. Beim Ankermanoever sehen wir unsere Freunde am Strand winken. Wir sind erloest, sie gesund und munter zu sehen. Der Anker sitzt und was machen unsere Freunde? Sie gehen weg vom Strand. Was soll das!? Es ist kurz davor dunkel zu werden und der Schwell haelt uns davon ab mit dem Beiboot ueberzusetzen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Der Schwell hat sich nicht gelegt, aber wir versuchen an Land zu kommen. Uli kommt am Kiesstrand gut raus, nur ich sitze bis zur Huefte im Wasser. Nicht so tragisch, Hauptsache das Boot ist nicht umgeschlagen. Die Fischer helfen uns, das Dinghi schnell an Land zu ziehen und sie weisen uns den Weg zum kleinen Hotel. Es ist wunderschoen am Strand gelegen, im Hintergrund ein riesiges Felsmassiv, das man nur mit Vierradantrieb oder per Pferd ueberwinden kann. Ein unbefestigter Weg fuehrt ins Dorf. Im Hotel sind unsere Freunde nicht zu sehen und man sagt uns, Gaeste solchen Namens gaebe es dort nicht. Sollten wir uns so verguckt haben? Im Garten des Hotelchens steht ein Kuehlschrank und obendrauf liegt ein Heft. Neugierig schlage ich es auf und entdecke, dass darin angeschrieben wird, wer was getrunken hat. Da gibt es dann einen Herrn M., der ganz viele Striche hinter seinem Namen hat und nun ist es fuer uns klar, er wohnt doch hier mit seiner Frau. Aber warum sind sie nicht im Hotel, sie haben uns doch gestern abend gesehen!? Wir vertreiben uns die Zeit im Doerfchen, werden in die Schule eingeladen, schauen zu wie ein Schwein geschlachtet wird, unterhalten uns hier und da und haben immer wieder eine Traube Menschen um uns. Der Hafenkapitaen (auch wenn es keinen Hafen gibt, nur eine Mini-Bucht) laedt uns zu sich nach Hause ein, aber mit Schiffspapieren bitte. Das kommt leider nicht in Frage, denn ein zweites Anlegemanoever mit dem Dinghi werden wir uns nicht antun. Das sieht er ein. Mein Rucksack mit Luftballons, Lollys und kleinen Spielzeugautos leert sich. Mittags zieht es uns wieder zum Hotel. Keine Spur von Familie M. und wir essen ein Sueppchen, das uns die Koechin zubereitet hat. Noch ein Spaziergang und am spaeten Nachmittag wieder zum Hotel. Zwei Gaeste erzaehlen uns von einem Paerchen, das auf seine Freunde mit einem Segelboot wartet. Also sind es tatsaechlich R. und H.. ......und dann treffen sie ein und sind total von den Socken uns zu sehen. Sie haben unser Schiff im Gegenlicht zur Sonne nicht erkannt. Und im uebrigen haben sie jedem Segelboot zugewunken!

Unsere Freunde werden am naechsten Morgen samt Klamotten und dem 35 kg schweren Wassermacher aus Deutschland von Fischern uebergesetzt. Alles bleibt trocken und die Fischer erhalten ihren Lohn in Fressalien. Wir segeln ueber Santa Lucia, einer unbewohnten Insel, gemeinsam rund um San Vincente zurueck nach Mindelo. Kommen noch gerade so mit einem Unwetter in den Hafen. Windstaerke 8 noch im Hafenbecken, Schiffe gehen durch, wir kriegen die Nacht kein Auge zu. Sydney ist am Morgen zur Stelle und bewacht fuer die naechsten Tage TRUANT. Er schlaeft im Cockpit. Wir fahren mit der Faehre nochmal rueber nach Sao Antao, der schoensten Wanderinsel von Cabo Verde. Ein Traum von einer Insel. Steile gruene Haenge, Wasserfaelle und Strassen, die oben auf den Bergkaemmen lang fuehren. Wir vier machen bei sengender Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit eine Wanderung auf Pfaden, wo kein Auto mehr hinkommt. Die Doerfer sind grau in grau und sehr aermlich. Nur die Schweine haben es gut. Sie wohnen ausserhalb der Orte in ganz gepflegten betonierten Staellen nebeneinander, die aussehen wie Reihenhaeuser. Von weitem koennte man annehmen, es handelt sich um ein kleines Ressort.

Die Zeit zu viert laeuft ab. Unsere Freunde muessen wieder heim. Wir bleiben noch 2 Wochen in Mindelo und fuehlen uns schon heimisch. Warum der schlechte Ruf dieser Stadt? Der Inhaber einer kleinen Charterbasis erzaehlt, dass der bestohlene Segelschriftsteller hier fein gekleidet mit Goldkettchen herum gelaufen sei - etwas zu verlockend. Sydney wuenscht sich zum Abschied ein Zeugnis in deutscher Sprache von uns, damit er die Moeglichkeit hat, bei anderen Booten Bootsboy zu sein. Wenn es mehr nicht ist und dazu 10 Euro lassen ihn gluecklich sein. Wir denken noch lange ueber seinen Wunsch nach. Bei uns waere niemand mehr nur mit einem Zeugnis zufrieden. Schwer nehmen wir Abschied in Richtung Sao Nikolao. In der Bucht vor Tarafall liegen GROTE BAER und BEAGLE, hollaendische Seglerfreunde.

Bei der Inselbesichtigung stellen wir fest, dass hier alles verwahrlost ist. In Tarafall wollen wir in einem Restaurant Kaffee trinken, muessen aber wieder gehen, weil in Sekunden der Tisch so mit Fliegen uebersaet ist, dass man von dem Tisch nichts mehr sieht. Mit den Kakerlaken sind wir schon per Du, so oft begegnen wir ihnen. Hier faellt der Abschied leicht. Am 4.12. brechen wir auf in Richtung Karibik. Eine weite Reise von 2000 Meilen, auf der wir Zeit haben, Cabo Verde zu verarbeiten. Man sagt, entweder liebt man es oder man hasst es. Ich komme zu dem Schluss, ich liebe es, trotz der Fliegen, Kakerlaken, der Tristesse und der Armut. Die Menschen sind es, die es mir angetan haben mit ihrem Lachen und ihrem Tanzen.

Mal sehen, was uns hinter dem "Grossen Teich" erwartet.

Bis denne, liebe Gruesse